Licht

Kenia ist heute eine beliebte Touristendestination und dadurch eines der bekanntesten Länder Afrikas. Die Wirtschaft ist die stärkste in Ostafrika und zeigt Anzeichen von modernen Strukturen. Das BIP wächst seit einigen Jahren im mittleren bis hohen einstelligen Bereich. Wichtigster Wirtschaftsbereich, auch für den Export, bleibt die Landwirtschaft, in der rund 70% der Arbeitnehmer beschäftigt sind. Reformen in den letzten Jahren haben das Land für Investitionen interessanter gemacht, in der „Ease of Doing Business“ der Weltbank hat sich Kenya etwa seit 2014 von Rang 136 auf Rang 92 (von 189 bewerteten Ländern) verbessert. Die Regierung hat sich das Ziel gesetzt, ein zweistelliges Wirtschaftswachstum zu erreichen und hat erkannt, dass sie sich dazu sehr reformfreudig zeigen muss in Punkto Wirtschaft und Korruptionsbekämpfung. Auch die Bildung wurde als wichtiger Wachstumstreiber erkannt und Reformen wie die kostenfreien Primary Schools wurden umgesetzt; mehr dazu später.

In Punkto Umweltschutz macht Kenia mehr als vergleichbare Länder; es gibt 59 Nationalparks und das „Recht auf saubere und gesunde Umwelt“ ist in der 2010 neu gestalteten Verfassung als Grundrecht verankert. Zwar kann aus finanziellen Gründen sicher nicht alles, was möglich wäre, getan werden, der Kampf gegen kriminelle Organisationen ist aufwändig und langwierig. Dennoch kann gesagt werden, dass Kenia hier Lobenswertes erreicht hat. Der Anteil an fossilen Brennstoffen in der Energieversorgung beträgt knapp einen Drittel und das Land hat sich zum Ziel gesetzt, den zu erwartenden starken Anstieg mit erneuerbaren Energien aufzufangen, anstatt immer mehr CO2 in die Atmosphäre zu pusten.

…und Schatten

Kenia mag das wirtschaftlich stärkste Land der Region sein, aber dennoch beträgt das BIP laut einer Studie der Weltbank im Jahr 2015 nur gerade 1’400 US Dollar und das Land liegt damit auf Rang 143 von 184 Nationen. Zum Vergleich: Die Schweiz liegt auf Rang 2 bei 81’000 US Dollar, das ist fast sechzig Mal so viel. Das zeigt, dass die Wachstumszahlen mit Vorsicht zu geniessen sind, denn die Basis, von der Kenia startet, ist sehr tief. Das Land hat wirtschaftlich einen sehr langen Weg vor sich, wenn es zu anderen, aufstrebenden Staaten aufschliessen will; Thailand und Südafrika beispielsweise liegen bei 5’800 US Dollar pro Kopf. Erschwerend wirkt auch, dass es in naher Zukunft enorme Investitionen in die Infrastruktur brauchen wird, um etwa die instabile Energieversorgung zu verbessern. Kenia ist zu einem grossen Teil auf Wasserkraft angewiesen und diese Tatsache macht in einem trockenen Land oft Schwierigkeiten.

Das Land leidet stark unter der AIDS-Epidemie. 6% der Bevölkerung sind HIV positiv, das sind 1.5 Millionen Menschen. Diese Zahlen sind tiefer als auch schon, 1996 waren über 10% der Bevölkerung mit dem Virus infiziert. Kenia gilt deshalb auch als Erfolgsstory für HIV Prävention. Dennoch stecken sich weiterhin jedes Jahr 78’000 neue Menschen an und die Gefahr ist deshalb alles andere als gebannt. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt beträgt weniger als 50 Jahre.

Auch politisch ist einiges im argen. Zwar scheint die Regierung, wie bereits angesprochen, reformfreudig und zukunftsorientiert. Aber demokratische Fairness ist nicht gegeben; in einer 2016 von der University of Michigan durchgeführten Studie hatten die Wahlen in Kenia von 2013 die dubiose Ehre, die am meisten manipulierte aller zwanzig untersuchten Wahlen zu sein. Bis zu 15% der Stimmen in der damaligen  Präsidentschaftswahl wurden manipuliert auf verschiedene Arten. Da erstaunt es nicht, dass laut einer weiteren Studie des Africa Centre for Open Governance in 2016 mehr als 50% der Bevölkerung nicht damit rechnen, dass die nächsten Wahlen im Jahr 2017 fair verlaufen werden.

Ein weiteres grosses Problem ist die Sicherheitslage, die in grossen Teilen des Landes mehr als prekär ist. Die Region im Osten des Landes nahe der Grenze zu Somalia ist besonders betroffen, denn diese Gegend ist Aktionsgebiet der Al-Shabaab-Milizen, einer berüchtigten Terror-Organisation, die in der Vergangenheit oft Anschläge in Kenia verübt hat. Stein des Anstosses ist Kenias Beitrag zur AMISOM-Mission, deren Ziel es ist, die komplett instabilen Verhältnisse im Nachbarland Somalia zu beruhigen. Die wichtigsten Touristengebiete, namentlich die Safari-Parks, sind gut geschützt, und auch die Hauptstadt Nairobi ist relativ sicher, weshalb das Land weiterhin bereist werden kann. Aber ausserhalb dieser Zonen ist die Situation sowohl für Touristen als auch für die lokale Bevölkerung schwierig und unsicher, was den Rückgang an Touristen von 50% seit 2011 erklärt.

Das Bildungssystem

Das Schulsystem in Kenia besteht aus der Pre-School, welche obligatorisch ist, wenn man eine Primary School besuchen möchte. Der Unterricht ist bereits hier sehr schulisch gestaltet und weniger spielerisch orientiert. Anschliessend folgt die Primary School (acht Schuljahre), welche zumindest in der Theorie obligatorisch ist. Anschliessend folgt die freiwillige Secondary School (vier Schuljahre) und die Universität (weitere vier Studienjahre). Die Unterrichtssprache ist meist Englisch, was für die Kinder beim Schulstart eine Fremdsprache ist und deshalb bereits in der Pre-School gelehrt wird. Es gibt sowohl öffentliche als auch private Schulen, letztere mit wenig Kontrolle und Überwachung der Regierung und entsprechend weit auseinanderklaffenden Qualitätsstufen.

Seit einigen Jahren ist die Ausbildung an öffentlichen Schulen gratis. Das hat zu höheren Einschulungsraten geführt, aber auch neue Probleme mit sich gebracht. Das Wachstum der Schülerzahlen war viel höher als das Wachstum in der Anzahl der Schulen, was zu steigenden Schülerzahlen pro Klasse geführt hat. 40 Schüler pro Klasse sind oft die Norm und es gibt Extremfälle von bis zu 120 Schülern pro Klasse.  Die Lehrer haben nicht die Möglichkeit zu individueller Ausrichtung auf die einzelnen Schüler. Leider ist dies auch ein fruchtbarer Nährboden für Korruption, da sich einige Lehrer von den Eltern dafür bezahlen lassen, dass sie ihren Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken. Diese Probleme sind vor allem in den ärmeren Bereichen der Grossstädte akut. Die ländlichen Gebiete hingegen kämpfen mit einer zu geringen Dichte an Schulen, was teilweise zu fast unüberbrückbaren Schulwegen führt.

Wichtig ist auch, das Wort „gratis“ mit Vorsicht zu geniessen. Zwar gibt es keine Schulgebühren, aber jedes Kind braucht eine Schuluniform, Schuhe, Stifte, Bücher usw. und diese Kosten müssen von den Eltern getragen werden, was diese oft vor grosse Schwierigkeiten stellt. Zudem ist die ein- oder zweijährige Pre-School nicht gratis. Ärmere Familien haben deshalb oft nicht die Mittel, um ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen, oder zumindest nicht allen. In vielen Fällen muss Geld jahrelang gespart werden, was dazu führt, dass Kinder mit zwei oder drei Jahren Verspätung eingeschult werden. Die grossen Distanzen, welche die Schüler teilweise auf sich nehmen müssen, können ebenfalls zu grossen Problemen führen, da das Geld für Fahrräder oder andere Transportmittel fehlt. All das führt zu vielen Schulabbrüchen aus Geldmangel und erklärt, warum die Alphabetisierungsrate nur 78% beträgt; zum Vergleich, das ist weniger als der Irak (80%) und viel weniger als aufstrebende Länder wie Südafrika (94%) oder Thailand (97%), zu denen Kenia aufschliessen möchte.

Die spätere Ausbildung in Secondary Schools und Universitäten leidet unter ähnlichen Problemen und kosten noch mehr, ausserdem sind die Distanzen in den ländlichen Gegenden in vielen Fällen schlicht nicht überbrückbar. Kinder aus ärmeren Familien kommen deshalb nur selten über die Primary School hinaus, auch wenn sie intelligent, aufgeweckt und motiviert wären, denn das Geld reicht meist nicht. Hier beisst sich die Katze deshalb in den eigenen Schwanz: Um aus der Armut zu entkommen, ist eine gute Bildung unablässig, aber gerade arme Familien haben nicht die Möglichkeit, ihren Kindern eben dies zu ermöglichen. Genau hier setzt unser Verein an.

Quellen: Neben den im Text deklarierten Quellen wurde Informationen von folgenden Publikationen benützt: auswaertiges-amt.de (Länderinformationen zu Kenia), harambee.at (Bildungssystem), dw.com (Kenia: Ungleich verteilte Bildungschancen), avert.org (HIV), amisom-au.org (AMISOM Mission in Somalia), dem CIA World Fact Book (Alphabetisierungsrate), Wikipedia (Ease of Doing Business Infex, Education in Kenya, List of countries by GDP (nominal) per capita)